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Lebensader Murr – gemeinsam schützen, was uns wertvoll ist

Hochwasser und Starkregen im Dialog

Mit vielen Teilnehmenden fand am Mittwoch, 13. November, der Bürgerdialog „Lebensader Murr – gemeinsam schützen, was uns wertvoll ist“ im Technikforum der Stadt Backnang statt.

"Die Murr ist Mitte und Herz unserer Stadt. Als Lebensader war sie schon immer von großer Bedeutung. Allerdings gehen auch immense Gefahren von ihr aus, wie uns die großen Hochwasserereignisse der Vergangenheit, das jüngste im Jahr 2011, deutlich vor Augen geführt haben“, betonte der Backnanger Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper die Dringlichkeit des Themas. „Unser Anliegen als Kommune ist, die Bürgerschaft, Wirtschaft sowie Umwelt und Kultur vor diesen Gefahren zu schützen.“

Und so wurden die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit facettenreichen Beiträgen und umfangreichem Zahlenwerk darüber informiert, welche Strategien und Maßnahmen in den vergangenen Jahren zum Thema Hochwasserschutz an der Murr erarbeitet wurden und wie deren Wirksamkeit bewertet werden kann.

Die Strategie zur Minderung von Hochwasserrisiken des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden Württemberg wurde von Markus Moser als Vertreter der zuständigen Flussgebietsbehörde am Regierungspräsidium Stuttgart vorgestellt. Er machte deutlich, dass sich in den vergangenen 20 Jahren viel verändert habe. Während früher auf einen absoluten Schutz vor Hochwasser hingearbeitet wurde, gehe es heute eher um den bewussten Umgang mit den verbleibenden Hochwasserrisiken. Markus Moser stellte klar, dass Hochwasserrisikomanagement weit mehr sei als die Umsetzung einer EU-Richtlinie. Vielmehr werde der gesamte Umgang mit allen Hochwasserrisiken systematisch beleuchtet und bearbeitet. Das Spektrum reiche von der Erstellung der Hochwassergefahrenkarten über die Analyse möglicher Risiken und Schäden bis hin zu konkreten Maßnahmen, wie diese vermieden oder zumindest vermindert werden können. Seit 2016 sei das Starkregenrisikomanagement dabei ein besonderer Schwerpunkt. Mit Blick auf den technischen Hochwasserschutz im Murrtal führte er aus, dass hier – wie an vielen anderen dicht besiedelten Gewässern – der Rückhalt in der Fläche und die Renaturierung und Schaffung von natürlichem Retentionsraum allein nicht ausreichen. Der im Jahr 2020 beginnende Bau des Hochwasserrückhaltebeckens Oppenweiler sei daher ein unverzichtbarer Bestandteil der Hochwasserschutzkonzeption des Wasserverbands Murrtal.

Stefan Setzer, Baudezernent der Stadt Backnang, schloss sich dieser Einschätzung an und berichtete über den aktuellen Stand der Umsetzung der Hochwasserschutzmaßnahmen für Backnang: „Die Maßnahmen zur Abwehr des Flusshochwassers zeigen bereits Wirkung. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre in anderen Kommunen Baden-Württembergs zeigen jedoch, dass die Schäden durch Starkregenereignisse signifikant zunehmen. Wir setzen ein Gesamtkonzept um. Technische Schutzmaßnahmen sind nur ein Teil davon.“ Gerade die Umsetzung der technischen Hochwasserschutzmaßnahmen sei in der Vergangenheit viel und kontrovers diskutiert worden. Die ganz überwiegende Mehrheit der Backnanger Bürgerinnen und Bürger fordere aber die zügige Umsetzung der Hochwasserschutzkonzeption. Mit Blick auf die Zukunft sei der Abwehr von Schäden durch Starkregen hohe Priorität einzuräumen, ergänzt Setzer.

Peter Zeisler, Schadenspotenzial-Experte der unabhängigen Ingenieurgemeinschaft RUIZ RODRIGUEZ + ZEISLER + BLANK, GbR stellte eine Analyse vor, die aufzeigt, wie sich die technischen Hochwasserschutzmaßnahmen an der Murr auswirken und inwiefern die Gesamtkosten von rund 33,5 Millionen Euro mit einem Investitionsanteil von 13,3 Millionen Euro für die Stadt Backnang gerechtfertigt sind.

Demzufolge sind von den über 38.000 Einwohnern in Backnang 2.700 von Hochwasser betroffen. Bei einem Jahrhundertereignis, dem sogenannten HQ-100, an der Murr seien Vermögensschäden von über 30 Millionen Euro zu erwarten. Hinzu kommen circa 7,5 Millionen Euro an Folgeschäden durch Betriebsunterbrechung.

Das Hochwasserschutzkonzept der Stadt Backnang kombiniert technischen Hochwasserschutz innerorts mit Rückhaltemaßnahmen außerhalb von Backnang. Mit dem von der Kommune angestrebten Hochwasserschutz bis HQ-100 könnten dadurch mehr als 2.100 betroffene Einwohner bis HQ-100 vor Hochwasser geschützt werden. Entscheidend für den HQ-100-Schutz sei dabei die Rückhaltewirkung des geplanten Hochwasserrückhaltebeckens in Oppenweiler.

Schon jetzt – mit dem bis 2019 teilrealisierten Hochwasserschutzkonzept – würden die Schäden in Backnang bei einem fünfzig-jährlichen Hochwasserereignis HQ-50 nahezu halbiert. Der installierte Hochwasserschutz sei mit einem Nutzen-Kosten-Verhältnis von 2,1 als „wirtschaftlich“ einzustufen. Auch für das Gesamtkonzept, das den Hochwasserschutz in Backnang und das Hochwasserrückhaltebecken in Oppenweiler beinhaltet, ließe sich mit einem Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,5 die Wirtschaftlichkeit nachweisen. Bestehende Lücken müssten jedoch dringend noch geschlossen werden, um einen vollständigen Schutz für die Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten. Am Ende verbliebe dann noch ein (Rest-)Risiko bei einem höheren Hochwasserereignis als HQ-100. Dieses könne aber versichert und durch Verhaltensvorsorge aufgefangen werden, so die Einschätzung von Peter Zeisler.

Im Anschluss hatten die Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, die von den Referenten vorgestellten Beiträge an verschiedenen Thementischen im kleinen Kreis zu diskutieren und Detailfragen, etwa zu geplanten Bauvorhaben oder geeigneten Möglichkeiten zur Eigenvorsorge, direkt mit den anwesenden Fachleuten zu besprechen.

„Hochwasser und Überflutungen wird es immer geben. Dank der Anstrengung vieler Beteiligter würde ein Hochwasser wie 2011 jetzt deutlich weniger Schäden verursachen. Es sind jedoch noch weitere Schritte zu tun. Dies betrifft insbesondere das Starkregenrisikomanagement, aber auch die Eigenvorsorge durch die Bürgerinnen und Bürger“, fasste Markus Moser in seinem persönlichen Fazit zusammen. „Wir werden weiterhin konsequent den Hochwasserschutz umsetzen und fortlaufend weiter über den Stand der Maßnahmen informieren“, ergänzte Stefan Setzer.

Die Ergebnisse des Abends, sowie die Präsentationen und einige Impressionen sind auf der Homepage der Stadt Backnang unter www.backnang.de einsehbar. Zusätzliche Informationen zum Hochwasser- und Starkregenrisikomanagement des Landes Baden-Württemberg gibt es unter www.hochwasserbw.de.

(Erstellt am 30. November 2019)